Making a cocktail

Work-Life-Blending

Der Arbeit-Freizeit-Shake in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen

Es ist noch gar nicht so lange her, da begegnete man recht häufig der Bezeichnung „Work-Life-Balance“. Mittlerweile wird dieser Begriff durch ein ähnlich klingendes Modewort ersetzt, nämlich dem „Work-Life-Blending“.

Trotz einer gewissen phonetischen Ähnlichkeit geht die Bedeutung beider Begriffe in komplett unterschiedliche Richtungen, steht Work-Life-Balance für eine zwar flexible, jedoch klare Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit, so verschwindet im Work-Life-Blending diese Trennung gänzlich, Privat- und Berufsleben erfahren eine Verschmelzung.

Festgelegte Arbeitszeiten gibt es nicht mehr, sie werden ersetzt durch eine Vertrauensarbeitszeit bzw. Deadline, bis wann die Arbeit fertiggestellt sein muss. Diesen Trend zum fließenden Übergang kann man bereits in vielen Branchen finden, entwickelt hat sich dabei ein neues und überaus interessantes Arbeitsmodell.

Die Work-Life-Balance ist den meisten von uns ein geläufiger Begriff und steht für das Bestreben, Arbeitsleben und Privatleben (voneinander getrennt) miteinander in Einklang zu bringen – beides harmonisch ausbalanciert und einander die Waage haltend. Kein Part sollte zu kurz kommen.

Die Arbeit geht aber nicht mehr vor, private Zeit hat den gleichen Stellenwert wie die Zeit am Arbeitsplatz, beide Zeiteinheiten sind klar voneinander getrennt. Auf diese Weise generiert man Zufriedenheit, einhergehend mit Wohlbefinden und einer daraus resultierenden stabileren Gesundheit – physisch als auch psychisch.

Durch die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung in allen Lebensbereichen kristallisiert sich in der Arbeitswelt seit einigen Jahren eine spannende Neuerung heraus: Berufliches und Privates werden kumulativ miteinander vermischt und greifen nahtlos ineinander über, entstanden ist damit das Work-Life-Blending. [engl. blending = die Vermischung, das Vermischen, das Mischen]

Geschüttelt, nicht gerührt

Work-Life-Blending steht für den Mix von Arbeit und Freizeit. In vielen Jobs erscheint es heute nicht mehr wichtig, in welchem Zeitfenster und an welchem Ort eine Arbeit erledigt wird, sondern lediglich, dass sie innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens erledigt wird.

Man kann sich somit die Zeit für die Arbeit freier einteilen und entscheidet selbst, ob die zu bearbeitenden Aufgaben morgens, nachmittags oder abends oder zwischendrin erledigt werden.

Die Zeiten gehen grenzenlos ineinander über, die bisherige Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit verwischt. Via Work-Life-Blending werden geregelte Dienstzeiten und festgelegte Arbeitsplätze in vielen Branchen peu à peu zu antiquierten Fossilien und weichen der neuen und offenbar gewünschten Flexibilisierung.

Nur ein Beispiel – anstatt morgens bei schönem Wetter die Stunden im Büro bei künstlichem Neonlicht zu verbringen, nutzt man die Sonnenstunden dafür, um Vitamin D3 zu tanken, z. B. bei Sport, Outdoor-Aktivitäten oder ähnlichem. Gearbeitet wird dann ab Mittag oder Nachmittag – Hauptsache, die Arbeit ist bis Mitternacht erledigt.

So kann also Dienstliches zuhause im Zeitrahmen eines bis dato „regulären Feierabend“ getätigt werden, gleichzeitig ist es dafür möglich, sich ohne schlechtes Gewissen während der regulären Arbeitszeit um Privatangelegenheiten zu kümmern.

Generationenfrage

Erinnert man sich noch an den Arbeitsalltag seiner Eltern und Großeltern, dann sah dies in der Regel so aus: Arbeitsbeginn pünktlich um 8 Uhr oder noch früher, Feierabend 16:30 Uhr. Gearbeitet wurde vornehmlich von Montag bis Freitag, nach Feierabend und am Wochenende machte man es sich zuhause gemütlich, legte die Füße hoch und verbrachte in nur diesem Zeitfenster seine Zeit mit Familie und Freunden …

Generation Baby-Boomer wie auch Generation Z arbeiteten zu festen Arbeitszeiten, Dienst war Dienst und „Schnaps war Schnaps“, wie man zeitgenössisch so schön sagte 😉 Während der Arbeitszeit wurde nichts Privates erledigt, dafür fiel zum Feierabend der Hammer, nach Dienstschluss war Schicht im Schacht, das Tagwerk war vollbracht, man ging nach Hause und schaltete ab. Nichts mehr sehen und nichts mehr hören von der Arbeit …

Die jüngere Generation Y, die das durch ihre Eltern so gewöhnt war, stellte dieses starre Modell allerdings kritisch infrage, wie überhaupt alles! Man wollte weder diese starren Arbeitszeiten, noch die klassisch vorgelebte Rollenverteilung der typischen Baby-Boomer oder Generation-X übernehmen, als Väter zur Arbeit gingen und Mütter in der Rolle der Hausfrau ihren Aufgaben nachgingen.

Das klassische Rollenmodell avancierte bald zum Auslaufmodell und entfiel schließlich fast gänzlich. Väter wie Mütter sind heute in der Regel beide berufstätig, sie teilen sich Arbeiten im häuslichen Bereich und genießen die private Zeit mit ihren Kindern, mit ihnen wollen sie reale Zeit verbringen, sie haben Freude an ihnen und möchten sie durch die Kindheit begleiten sowie ausgiebig daran teilhaben.

Entstanden ist somit erst die Work-Life-Balance, die jedoch gerade Stück für Stück vom Work-Life-Blending abgelöst wird, was bedeutet: Ständige Erreichbarkeit via Handy oder per Home-Office lässt auch die letzte Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben verschwinden; die Zeiten werden bildlich gesehen in einen Mixer (Blender) zu einem einzigen Cocktail vermischt, der manchen ausgezeichnet schmeckt – anderen dafür wiederum weniger …

Auf den ersten Blick bedeutet Work-Life-Blending viel mehr Freiheit in der Lebensgestaltung und weniger Zeitdruck – die gnadenlose Stempeluhr wird man irgendwann nur noch als Relikt im Museum bestaunen. Work-Life-Blending – ein Erfolgsmodell der Zukunft?

Ein Balance-Akt

Ein wachsendes Problem ist die heutige ständige Erreichbarkeit, viele Menschen fühlen sich ihr auf Schritt und Tritt ausgesetzt und überfordert. Die Gedanken kreisen stets um die Arbeit, abschalten, „Akku aufladen“ und erholen werden durch Work-Life-Blending schwieriger. Ständige Erreichbarkeit bedeutet für viele auch „ständige Verfügbarkeit“ …

Das neue Zeitmodell des Work-Life-Blending erfordert von jedem mehr Flexibilität und Offenheit. Wer da mitzieht und seine Mittagspause verlängert, um z. B. in der Zeit ein warmes Abendessen vorzubereiten oder eine Behörde aufzusuchen; wer einkauft, in die Autowerkstatt fährt, zum Friseur geht oder seine Zeit alternativ wirklich sinnvoll nutzt, wird dann einfach am Nachmittag oder am Abend von zuhause aus per Laptop weiterarbeiten.

Wer es wagt und sich darauf einlässt, wird möglicherweise eine neue Freiheit genießen und Work-Life-Blending für sich als Geschenk empfinden.

Passionierten Workaholics und Menschen, welche ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, wird dieses Arbeitsmodell in der Regel nichts ausmachen, denn Arbeit und Freizeit dieser Gruppe sind meist schon verschmolzen. Doch wie steht die Mehrheit der Menschen dazu?

Ein Work-Life-Blending fasziniert zwar, will aber noch nicht so ganz in das Wertesystem der Generation Y passen, welche zwar sehr leistungsorientiert ist, jedoch Privatleben und Freizeit genießt und als überaus wichtig erachtet.

Für mich persönlich ist Work-Life-Blending eine echte Bereicherung. Es entspannt mich ungemein, einfach mal private Termine einschieben zu können und gleichzeitig auch am Abend oder am Wochenende zu arbeiten und dringende Sachen nicht bis zur offiziellen Arbeitszeit liegen lassen zu müssen.

Andererseits fällt das Abschalten natürlich so auch schwer, weil ich in Gedanken stets ein bisschen um meine Arbeit kreise. Manchmal sehne ich mich danach, mein Handy einfach ein paar Tage auszuschalten, um meine Gedanken einmal ganz für mich alleine zu haben und ganz bei mir selbst zu sein.

Und das ist genau der Balance-Akt, den ich gerade versuche. Ein Mix aus Arbeits- und Privatleben mit Flexibilität in alle Richtungen, und gleichzeitig auch immer mal wieder klare Auszeiten um Kraft und Inspiration zu sammeln.

Und wie steht’s mit dir?

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